01. 10. 2026

print Created with Sketch. PRINT

01. 10. 2026

Mitgliederversammlung: Mit starken Zahlen in den Abstimmungskampf um Verkehr ’45

Der öV spart mit, finanziert seinen Betrieb zu fast zwei Dritteln selbst, und im regionalen Personenverkehr ist der Bundesanteil so tief wie nie. Trotzdem schwinden die Mittel für die Verkehrsinfrastruktur. An der 90. Mitgliederversammlung der LITRA in Bern machte Präsident Martin Candinas deshalb klar: Mit «Verkehr ’45» müssen jetzt die Weichen für eine langfristig gesicherte Finanzierung gestellt werden. Im Anschluss zeichnete Bundesrätin Karin Keller-Sutter die Gewinnerin und die Gewinner des Prix LITRA 2026 aus.

Der öV ist effizient, eigenfinanziert und volkswirtschaftlich unverzichtbar. Martin Candinas richtet sich im Rahmen der 90. LITRA-Mitgliederversammlung an rund 180 geladene Gäste. © LITRA

«Die Bundesfinanzen stehen derzeit so im Zentrum der politischen Debatte wie schon lange nicht mehr», sagte Martin Candinas zur Eröffnung. Das betreffe den öV gleich doppelt: als Teil der Sparbemühungen des Bundes und als Bereich, der selbst auf eine langfristig gesicherte Finanzierung angewiesen ist. Der LITRA-Präsident startete deshalb mit einem Blick auf die Zahlen, passend zum späteren Gespräch mit Finanzministerin Karin Keller-Sutter.

Der öV spart mit

Weil die Ausgaben des Bundes schneller gewachsen sind als die Einnahmen, hat der Bundesrat das Entlastungspaket 27 (EP 27) mit 57 Massnahmen geschnürt. Der Verkehrsbereich steuert über die Jahre 2027 bis 2029 rund 845 Millionen Franken bei. Einen namhaften Beitrag, den die Branche solidarisch mitträgt, wie Candinas betonte.

Zu fast zwei Dritteln eigenfinanziert

Dabei steht der öV finanziell auf einem soliden Fundament. 2023 war sein Betrieb zu 63 Prozent eigenfinanziert, über Billette und andere Erträge. Fern- und Güterverkehr tragen sich vollständig selbst. Den regionalen Personenverkehr sowie den Orts- und touristischen Verkehr bestellen Bund, Kantone und Gemeinden, die auch die Defizite decken.

Im regionalen Personenverkehr lag der Anteil der Bundesabgeltungen im letzten Jahr mit 21,4 Prozent so tief wie nie. Zugleich gibt es pro investiertem Franken mehr Angebot als im Vorjahr, obwohl Angebot und Qualität in den letzten Jahren deutlich ausgebaut wurden. «Trotz laufend steigender Nachfrage und einem kontinuierlichen Ausbau von Bahn- und Busangebot ist der öV nicht in erster Linie ein Subventionsempfänger, sondern eines der effizientesten Mobilitätsangebote, das Bund und Kantone verantworten», so Candinas.

Wie viel darf der öV kosten – und wer bezahlt? Beim Apéro ging der Austausch über die Finanzierung des öffentlichen Verkehrs angeregt weiter. © LITRA

Wer in den öV investiert, investiert ins Gesamtsystem

Auch volkswirtschaftlich rechnet sich der öV: Er sichert über 60’000 direkte und indirekte Vollzeitstellen und erwirtschaftet fast 20 Milliarden Franken Wertschöpfung. Anders als beim motorisierten Individualverkehr bleiben davon rund 95 Prozent im Land. Und er braucht rund 35 Prozent weniger Fläche.

Gegen das Auto ausspielen will Candinas den öV aber nicht: «Das sind reale Unterschiede, aber kein Gegeneinander: Ein gutes Gesamtverkehrssystem braucht zwingend alle Verkehrsträger.» Je mehr Menschen im öV unterwegs seien, desto weniger Autos stünden auf der Strasse. «Wer in den öV investiert, investiert deshalb nicht gegen, sondern für ein funktionierendes Gesamtsystem.»

Die klassischen Finanzierungsquellen schwinden

Die Kehrseite zeigt sich bei der Infrastruktur. Die Bahninfrastruktur kostet die öffentliche Hand rund 7,5 Milliarden Franken pro Jahr. Nur 1,8 Milliarden davon kommen über Trassenerträge herein, der Rest stammt aus dem Bahninfrastrukturfonds (BIF).

Ausgerechnet die klassischen Geldquellen werden aber kleiner. Die Mineralölsteuer, die den Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds (NAF) speist, bringt weniger ein, weil immer mehr Fahrzeuge elektrisch fahren. Und weil die Kantone den regionalen Personenverkehr sehr unterschiedlich finanzieren, dürfte auch die Frage nach einer gerechten Lastenverteilung noch zu reden geben.

«Der öV erfüllt seinen Teil der Konsolidierungsaufgabe mehr als vorbildlich. Aber die strukturellen Finanzierungsquellen, auf die die Verkehrsinfrastrukturen langfristig angewiesen sind, schwinden. Diese Lücke müssen wir schliessen», so Martin Candinas.

Volles Haus an der 90. LITRA-Mitgliederversammlung: Gäste aus Politik, Verwaltung und öV-Branche verfolgten die Ausführungen zur Finanzierung des öffentlichen Verkehrs. © LITRA

Verkehr ’45: Unterhalt vor Ausbau

Genau hier setzt die Vorlage «Verkehr ’45» an, über die das Parlament nächstes Jahr und Volk und Stände voraussichtlich 2028 entscheiden. Damit der BIF auch nach 2030 genug Mittel für Substanzerhalt, Betrieb und punktuellen Ausbau hat, braucht es die Verlängerung des befristeten Mehrwertsteuer-Promilles. «Das ist keine Formalie, sondern eine Notwendigkeit», betonte Candinas.

Für alle gewünschten Ausbauprojekte dürfte das allerdings nicht reichen. Es brauche deshalb eine zweite Finanzierungsquelle, gekoppelt an eine gesetzlich verankerte Reihenfolge: zuerst der Unterhalt, dann der bereits beschlossene Ausbauschritt 2035, danach die Digitalisierung der Bahn und erst zum Schluss neue Grossprojekte. In den Agglomerationen könnten zudem Trams oder Metros schneller Wirkung zeigen als neue S-Bahn-Strecken, vorausgesetzt, der Bund erhöht seine Beiträge aus dem NAF.

Und die Effizienz? Die bleibe eine Daueraufgabe der ganzen Branche, «kein einmaliges Sparprogramm». Gefragt seien mehr Zusammenarbeit zwischen Betreibern und Industrie, anpassungsfähige Normen und kluge Prioritäten.

Abstimmung 2028: Die ganze Branche ist gefordert

Für die Abstimmungskampagne übernimmt die LITRA gemeinsam mit dem Verband öffentlicher Verkehr (VöV) die Federführung. Die Grundlagen stehen, in den nächsten Monaten folgen Organisation, Botschaften und Finanzierung. Candinas rief die Mitglieder auf, die Kampagne aktiv zu unterstützen, mit ihrem Netzwerk oder finanziell.

An der Urne habe sich der öV bisher stets bewährt, von Bahn 2000 über die NEAT bis zu FABI. Damit das auch 2028 gelingt, brauche es fundierte Zahlen, überzeugende Argumente und eine geschlossene Branche. «Die Zahlen sind unser bestes Argument: Der öV ist effizient, eigenfinanziert und volkswirtschaftlich unverzichtbar.»

Zum Schluss erinnerte der LITRA-Präsident an diejenigen, um die es letztlich geht: die Kundinnen und Kunden. «Sie wollen mehr öV und das zu fairen Konditionen. Das ist der Massstab, an dem sich jede Finanzierungslösung und jede Effizienzmassnahme letztlich messen lassen muss.»

LITRA-Geschäftsführer Michael Bützer bei seinem Rückblick auf das Geschäftsjahr. © LITRA

Erfolgreiches Geschäftsjahr und neue Gesichter

Im statutarischen Teil der Mitgliederversammlung blickte LITRA-Geschäftsführer Michael Bützer auf das vergangene Geschäftsjahr zurück. Zudem wurden sechs langjährige Vorstandsmitglieder verabschiedet: Bernhard Kunz (Hupac Intermodal SA), Roland Keller (Basler & Hofmann AG), Christian König (Stadler), Edgar Keller (ABB Schweiz AG), Jeannine Pilloud (Alstom Schweiz AG) sowie Nationalrat Jon Pult.

Martin Candinas dankte allen sechs für ihren grossen, langjährigen Einsatz für die LITRA und das öV-System Schweiz und überreichte ihnen den traditionellen «Gruss aus der Surselva». Gleichzeitig wählten die Anwesenden sieben Persönlichkeiten in den Vorstand der LITRA:

  • Roger Buchmann, Global Business Line Manager Rail Systems, ABB Schweiz AG
  • Dominik Courtin, Vorsitzender der Geschäftsleitung, Basler & Hofmann AG
  • Bruno Fischer, Director Public Affairs & Communication, Hupac Intermodal SA
  • Andreas Haas, Managing Director, Swissrail Industry Association
  • Marie Icardo, Managing & Customer Director Switzerland, Alstom Schweiz AG
  • David Roth, Nationalrat SP/LU
  • Fabian Schmid, Präsident VöV und Direktor Regionalverkehr Bern-Solothurn (RBS)

Im Anschluss an den statutarischen Teil wurden in Bern zudem verschiedene Neumitglieder bei der LITRA willkommen geheissen. Sie werden zu einem späteren Zeitpunkt auf der LITRA-Website individuell vorgestellt.

  • CargoBeamer AG
  • Cisco Systems (Schweiz) GmbH
  • Regionalbus Lenzburg AG
  • Swisscom (Schweiz) AG
  • trireno – S-Bahn trinational
  • Ubique Innovation AG
  • VSS

Der Prix LITRA 2026: LITRA-Präsident Martin Candinas, Nikolett Seben (Preisträgerin), Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Jakob Luca Deutschel (Preisträger) und Nico Wyss (Preisträger). © LITRA

Prix LITRA 2026: Vom Flugplan bis zum Radsatz

Den feierlichen Abschluss bildete wie jedes Jahr die Verleihung des Prix LITRA, dieses Mal in Anwesenheit von Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Aus knapp einem Dutzend eingereichter Bachelor- und Masterarbeiten zeichnete die Jury drei aus, die die ganze Breite des öV zeigen: von der Planung von Flugzeiten über den Kostendeckungsgrad im regionalen Personenverkehr bis zur Instandhaltung von Rädern und Bremsscheiben. Den Pokal erhielten Nico Wyss, Jakob Luca Deutschel und Nikolett Seben.

Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Vorsteherin des Eidgenössischen Finanzdepartements, diskutierte mit LITRA-Geschäftsführer Michael Bützer die finanzpolitischen Rahmenbedingungen für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz. © LITRA

Anschliessend stellte sich die Finanzministerin im Gespräch mit Michael Bützer den Fragen zur Finanzierung des öV: vom Beitrag des Verkehrs zum EP 27 über den tiefen Bundesanteil im regionalen Personenverkehr bis zur Frage, wie der Substanzerhalt der Infrastruktur nicht zum Opfer der Schuldenbremse wird. Und sie verriet, dass ihre eigene öV-Begeisterung schon mit 17 begann, auf einer Interrail-Reise allein durch Europa.


Stolz auf den öV-Nachwuchs: Bundesrätin Karin Keller-Sutter erinnerte sich auch an ihre ersten Reisen mit dem öV. © LITRA

Der Prix LITRA 2026 zeigt die ganze thematische Breite des öffentlichen Verkehrs: von der Planung von Flugzeiten über den Kostendeckungsgrad im regionalen Personenverkehr bis zur Instandhaltung von Rädern und Bremsscheiben. Ausgezeichnet wurden Nico Wyss, Jakob Luca Deutschel und Nikolett Seben.

Bundesrätin Karin Keller-Sutter überreichte ihnen an der feierlichen Preisverleihung im Bellevue Palace in Bern den Pokal.