01. 10. 2026

Prix LITRA 2026: Vom Flugplan bis zum Radsatz

Der Prix LITRA 2026 zeigt die ganze thematische Breite des öffentlichen Verkehrs: von der Planung von Flugzeiten über den Kostendeckungsgrad im regionalen Personenverkehr bis zur Instandhaltung von Rädern und Bremsscheiben. Ausgezeichnet wurden Nico Wyss, Jakob Luca Deutschel und Nikolett Seben. Bundesrätin Karin Keller-Sutter überreichte ihnen an der feierlichen Preisverleihung im Bellevue Palace in Bern den Pokal.

Der Prix LITRA 2026: LITRA-Präsident Martin Candinas, Nikolett Seben (Preisträgerin), Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Jakob Luca Deutschel (Preisträger) und Nico Wyss (Preisträger). © LITRA

Auch in diesem Jahr durfte die LITRA knapp ein Dutzend Bachelor- und Masterarbeiten für den renommierten Schweizer öV-Nachwuchspreis entgegennehmen. «Was diesen Jahrgang auszeichnet, ist vor allem ihre thematische Bandbreite. Diese reicht von der mikroskopischen Zugsdisposition über die Optimierung von Fahrplan- und Trassenkonzepten bis hin zu Fragen des Kostendeckungsgrads im regionalen Personenverkehr, zur Attraktivität des öffentlichen Verkehrs im Freizeitbereich oder zur Logistik im Substanzerhalt. So divers, so thematisch unterschiedlich war der Prix LITRA selten», bilanziert LITRA-Präsident Martin Candinas.

Die thematische Vielfalt spiegelt sich auch in der Arbeit der interdisziplinär zusammengesetzten Jury wider, die sich im Bundeshaus intensiv mit den Einreichungen auseinandersetzte. «Die Qualität der Arbeiten machte die Auswahl auch in diesem Jahr alles andere als einfach – und sie zeigt, wie breit das Themenfeld Mobilität heute verstanden wird», so Martin Candinas.

Nach angeregter und ausführlicher Diskussion entschied sich die Prix-LITRA-Jury für zwei Masterarbeiten – eine von der EPFL in Lausanne und eine von der ETH Zürich in Kooperation mit der University of California, Berkeley – sowie für eine Bachelorarbeit der Berner Fachhochschule.

Weshalb liegt der Kostendeckungsgrad im regionalen Personenverkehr in der lateinsprachigen Schweiz rund 20 Prozentpunkte tiefer als in der Deutschschweiz? Mit dieser Forschungsfrage befasste sich Nico Wyss im Rahmen seiner Masterarbeit an der EPFL in Lausanne. © LITRA

Röstigraben im regionalen Personenverkehr: Woher kommt der Unterschied?

Der regionale Personenverkehr (RPV) ist ein zentrales Element des schweizerischen Service Public. Bund und Kantone bestellen die Leistungen jährlich und gelten den Transportunternehmen die geplanten ungedeckten Kosten ab – 2025 rund 2,2 Milliarden Franken für über 1’600 Angebote von 101 Unternehmen.

Vor dem Hintergrund steigender Abgeltungssummen und der ambitionierten Zielvorgabe des Entlastungspakets 2027 (EP 27), den Kostendeckungsgrad bis 2029 von 52,5 auf 60,3 Prozent zu erhöhen, gewinnt eine Frage an Brisanz: Weshalb liegt der Kostendeckungsgrad in der lateinsprachigen Schweiz rund 20 Prozentpunkte tiefer als in der Deutschschweiz?

Genau dieser Frage ging Nico Wyss im Rahmen seiner Masterarbeit an der EPFL nach. Er kombinierte dazu ein anspruchsvolles statistisches Zerlegungsverfahren (Shapley-Shorrocks-Dekomposition), Regressionsanalysen und vier gezielt ausgewählte Fallstudien – darunter PostAuto als national tätiges Unternehmen und die strukturell ähnlichen Kantonspaare Freiburg und Luzern sowie Waadt und St. Gallen.

Das Ergebnis ist so klar wie überraschend: «Rund 98 Prozent der Gesamtdifferenz liegen auf der Erlösseite – 86 Prozent allein auf der geringeren Nachfrage», bilanziert Nico Wyss. Auf einem Kurs sitzen in der lateinsprachigen Schweiz durchschnittlich 22 Fahrgäste, in der Deutschschweiz 33. Die Kosten pro gefahrenen Kilometer und die Erlöse pro Personenkilometer unterscheiden sich dagegen kaum. Werden Nachfragetreiber wie die Bevölkerungsdichte und die Zahl der Halbtax-Abonnemente pro Einwohner berücksichtigt, verschwindet der Sprachregionen-Effekt vollständig.

Daraus lassen sich klare Konsequenzen für die Praxis ableiten: Tarifmassnahmen wirken kaum – eine Tariferhöhung von drei Prozent hebt einen Kostendeckungsgrad von 50 Prozent nur um rund 1,5 Prozentpunkte. Auch kurzfristige Kostenreduktionen sind begrenzt. «Das grösste Potenzial liegt in der mittel- und langfristigen Angebotsplanung: in einer Siedlungsentwicklung entlang bestehender Korridore, in einer stärkeren Bündelung der Nachfrage und im effizienten Einsatz der Betriebsmittel», so Nico Wyss.

Wyss, N. (2026), Röstigraben im regionalen Personenverkehr: Analyse der Heterogenität des Kostendeckungsgrads, Masterarbeit, EPFL, Lausanne.

Wie legen Fluggesellschaften ihre publizierten Flugzeiten fest – und liesse sich das wirtschaftlich optimieren? Mit dieser Forschungsfrage befasste sich Jakob Luca Deutschel im Rahmen seiner Masterarbeit an der ETH Zürich in Kooperation mit der University of California, Berkeley. © LITRA

Zwischen Verspätung und Leerlauf: Wie plant eine Fluggesellschaft ihre Flugzeiten?

Zum ersten Mal in der Geschichte des Prix LITRA zeichnete die Jury eine Arbeit aus dem Luftverkehr aus. Jakob Luca Deutschel ging in seiner Masterarbeit an der ETH Zürich, verfasst in Kooperation mit der University of California, Berkeley, einer Frage nach, die uns alle betrifft, über die wir aber selten nachdenken: Wie legen Fluggesellschaften eigentlich ihre publizierten Flugzeiten fest – und liesse sich das wirtschaftlich besser machen?

Denn Fluggesellschaften müssen pro Verbindung eine einzige geplante Flugdauer angeben, obwohl die tatsächliche Dauer von Tag zu Tag stark schwankt. Setzt eine Airline die Zeit zu knapp an, häufen sich Verspätungen und damit teure Passagierentschädigungen. Setzt sie sie zu grosszügig an, sinkt die Auslastung von Flugzeugen, Crew und Bodenpersonal.

Jakob Luca Deutschel kombinierte in seiner Arbeit drei Elemente: eine Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen mit Interviews bei zehn Airlines, ein detailliertes Kostenmodell mit vier Bestandteilen (Flotte, Wartung, Crew, Passagiere) sowie moderne Verfahren des maschinellen Lernens. Als Datenbasis dienten die offiziellen Betriebsdaten von EUROCONTROL und der US-Behörde BTS über mehrere Flugplanperioden hinweg.

Die Ergebnisse sind eindrücklich: «Die Airlines legen die geplante Flugdauer heute überwiegend nach festen Faustregeln fest – etwa: Wähle einen Wert, den 80 Prozent der historischen Flüge eingehalten haben. Kostenbewusste Entscheidungshilfen sind die Ausnahme», erklärt Jakob Luca Deutschel.

Seine Modelle treffen die kostenoptimale Flugdauer zuverlässig besser als die heutigen Flugpläne und die Faustregeln. In Franken übersetzt bedeutet das Einsparungen von rund 13 bis 21 Prozent in Europa und drei bis fünf Prozent in den USA. «Die deutlich grösseren Einsparungen in Europa erklären sich durch stärkere Abweichungen der heutigen Flugpläne vom Optimum und durch die hohen Passagierentschädigungen.»

Praktisch bedeutet das: Die Arbeit liefert Airlines, Flughäfen, Flugsicherungen und Regulatoren einen anwendungsbereiten Methodenbaukasten, um die saisonale Festlegung der Flugdauern systematisch wirtschaftlich zu begründen.

Da sie auf öffentlich verfügbaren Daten basiert, ist sie auch für mittlere Airlines und für Branchenorganisationen wie EUROCONTROL, IATA oder die Slot-Koordinatoren niederschwellig nutzbar. Und sie liefert empirisch belastbare Argumente für eine stärker harmonisierte europaweite Vergabe von Flughafen-Slots.

Deutschel, J. L. (2026), Scheduled Block Time Setting and Schedule Cost Optimization of European and U.S. Airlines, Masterarbeit, ETH Zürich in Kooperation mit University of California Berkeley, Zürich.

Wie lassen sich die Grenzmasse für Räder und Bremsscheiben bei der Radsatzrevision datenbasiert optimieren? Mit dieser Forschungsfrage befasste sich Nikolett Seben im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der Berner Fachhochschule BFH. © LITRA

Ist es Zeit, die Grenzwerte in der Radsatzrevision neu zu denken?

Weniger im Rampenlicht der öV-Debatte, aber genauso entscheidend für Sicherheit und Wirtschaftlichkeit des Bahnbetriebs ist die Instandhaltung der Fahrzeuge. Genau hier setzt die Bachelorarbeit von Nikolett Seben an, die sie an der Berner Fachhochschule (BFH) verfasste.

Konkret untersuchte Nikolett Seben datenbasiert die Instandhaltungsgrenzwerte für Räder und Bremsscheiben bei der Radsatzrevision der SBB, beispielhaft anhand der Flotten IC 2000 und ICN. Die aufgrund der Schweizer Topografie überdurchschnittlich beanspruchten Radsätze werden heute nach starren Revisionszyklen instand gehalten. Diese Zyklen sind nicht immer optimal aufeinander abgestimmt, was zu erhöhtem wirtschaftlichem und betrieblichem Aufwand sowie zu ausserplanmässigen Radsatzwechseln führen kann.

In einem vierstufigen, datenbasierten Prozess wertete Nikolett Seben die effektiven Verschleissraten und Laufleistungen aus und stellte sie den heutigen Revisionsintervallen gegenüber. «Es zeigt sich, dass die berechneten Laufleistungen teilweise deutlich von den Grenzmassen abweichen. Eine pauschalisierende Aussage ist jedoch nicht möglich: Je nach Flotte müssen die Grenzwerte erhöht oder gesenkt werden», erklärt Nikolett Seben. Beim IC 2000 stehen Bremsscheibenschäden im Vordergrund, beim ICN dagegen Schäden an Vollrädern und Getrieben.

Ihre klare Botschaft: Universelle Grenzwerte werden der Realität nicht gerecht. «Die Zukunft liegt in flottenspezifischen Instandhaltungsstrategien und in einer besseren Datenqualität – etwa durch die Digitalisierung der Bauteilrückverfolgung.»

Damit leistet die Arbeit einen konkreten Beitrag zur wirtschaftlichen Effizienz und ökologischen Nachhaltigkeit des Bahnbetriebs und ist unmittelbar für Eisenbahnunternehmen anwendbar – über die SBB hinaus potenziell auch für den Güterverkehr, sofern eine vergleichbare Datengrundlage vorliegt.

Seben, N. (2026), Untersuchung Grenzmasse für Räder und Bremsscheiben bei Radsatzrevision, Bachelorarbeit, Berner Fachhochschule BFH, Bern.

Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Vorsteherin des Eidgenössischen Finanzdepartements, diskutiert mit LITRA-Geschäftsführer Michael Bützer die finanzpolitischen Rahmenbedingungen für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz. © LITRA

Bundesrätin Karin Keller-Sutter im Gespräch: Der öV im Spannungsfeld zwischen Sparauftrag und Substanzerhalt

Ausgezeichnet wurden die diesjährigen Prix-LITRA-Gewinnerinnen und Gewinner von niemand Geringerem als Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Vorsteherin des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD). Im Anschluss stellte sich die Finanzministerin einem Gespräch mit LITRA-Geschäftsführer Michael Bützer und diskutierte die finanzpolitischen Rahmenbedingungen für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz.

Die Themen reichten vom Beitrag des Verkehrsbereichs zum Entlastungspaket 27 über den historisch tiefen Anteil der Bundesabgeltungen im regionalen Personenverkehr bis hin zur Herausforderung, den Substanzerhalt der Verkehrsinfrastruktur nicht zum Opfer der Schuldenbremse werden zu lassen. Und die Finanzministerin sprach auch über ihre ganz persönliche Erfahrung als 17-Jährige, als sie mit dem Interrail-Ticket allein durch Europa gereist ist – ein früher Bezug zum öV, der bis heute nachwirkt.

So verband das Gespräch nüchterne Zahlenlogik mit gelebter öV-Begeisterung – und schlug damit den Bogen zurück zu den drei Preisträgerinnen und Preisträgern, die mit ihren Arbeiten daran mitwirken, dass diese Begeisterung auch in Zukunft ihren Platz auf Schiene, Strasse und in der Luft findet.

Jedes Jahr prämiert die LITRA mit dem Prix LITRA Bachelor- und Master-Arbeiten von Studierenden von Schweizer Universitäten und Fachhochschulen, die ihre Abschlussarbeit dem öffentlichen Verkehr und dem Thema Mobilität widmen. Preisträgerinnen und Preisträger erhalten ein Preisgeld in Höhe von 3’000 Franken.