19. 02. 2026

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19. 02. 2026

Was Trams und Lightrail-Systeme zur Mobilität in den Agglomerationen beitragen

Die Verkehrsinfrastrukturen in Städten und Agglomerationen stehen besonders unter Druck. Wachsende Mobilitätsbedürfnisse treffen auf begrenzten Raum und knappe finanzielle Mittel. Gleichzeitig besteht der Anspruch, Mobilität effizient, klimaverträglich und im Einklang mit den Bedürfnissen der Bevölkerung zu gestalten. Wie kann die steigende Verkehrsnachfrage dort künftig bewältigt und welche Rolle können Verkehrssysteme wie Tram- und Lightrail-Lösungen dabei einnehmen? Am diesjährigen Forum der Schweizerischen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (SVWG) wurden verschiedene Ansätze und Beispiele als Antwort auf diese Fragen diskutiert. Das an der Tagung vorgestellte Tram-Treno-Projekt in Lugano dient als anschauliches Beispiel für neue – und gleichzeitig altbekannte – Wege in der Agglomerationsmobilität.

Welchen Beitrag leisten Lightrail-Systeme heutzutage zur Bewältigung des Verkehrsaufkommens in den Agglomerationen? © SBB CFF FFS

Von Sophie Hasler, Mitarbeiterin LITRA

Die Schweizer Bevölkerung reist gerne und reist viel, gerade mit den Massenverkehrsmitteln. So wurden im letzten Quartal 2025 am meisten Personenkilometer mit der Bahn zurückgelegt, seit der Einführung des Reportings. Politisch steht aktuell mit dem Projekt «Verkehr’45» des UVEK zudem der zukünftige Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen im Fokus. Der Bundesbeschluss über den Ausbau der Nationalstrassen wurde im Herbst 2024 von der Stimmbevölkerung mehrheitlich abgelehnt. Doch auch im Schienenverkehr können nicht alle geplanten Ausbauvorhaben umgesetzt werden, denn die Kosten sind stark gestiegen. In Städten und Agglomerationen treffen steigende Nachfrage, begrenzter Raum und lange Realisierungszeiträume besonders stark aufeinander. Wie also können die rasch wachsenden Mobilitätsbedürfnisse im dicht besiedelten Raum künftig bestmöglich bewältigt werden? Dieser Frage widmete sich der Anlass der Schweizerischen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (SVWG).

Die Metrolinie M2 in Lausanne ist ein Lightrailsystem, welches Ouchy und Epalinges verbindet. © Crédit photo tl

Tramsysteme werden wieder beliebt

Als Grundlage für den weiteren Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen hat der Bundesrat bei der ETH Zürich ein Gutachten in Auftrag gegeben. Mit diesem Projekt «Verkehr ’45» wurden alle geplanten Verkehrsprojekte auf der Strasse und der Schiene gemeinsam analysiert und priorisiert. Darauf aufbauend hat der Bundesrat Ende Januar seine Eckwerte für den zukünftigen Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen beschlossen. Tendenziell gut abgeschnitten haben in Verkehr’45 auch die Tramsysteme. Widar von Arx, Professor an der Hochschule Luzern, Leiter des Kompetenzzentrum Mobilität und Co-Veranstalter des SVWG-Forum, hat dies zum Anlass genommen, am diesjährigen Forum der SVWG die «Nutzenpotentiale, Machbarkeit und Kostenperspektiven für Light Rail, Metro und Tram» ausführlich zu präsentieren und besprechen.

Am Forum der Schweizerischen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (SVWG) diskutierten die Referent:innen über die Rolle von Lightrail-Systemen im Schweizer Verkehrssystem. © SVWG / Carmen Leibundgut

Tram- und Lightrail-Systeme sind in der Schweiz keine neue Erscheinung. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfügten zahlreiche Städte bereits über eigene Tramnetze, die mit dem Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs und des Busbetriebs jedoch vielerorts zurückgebaut wurden. Heute gewinnen Trams erneut an Bedeutung, denn in dicht besiedelten Agglomerationen stossen bestehende Verkehrsnetze zunehmend an ihre Kapazitäts- und Raumgrenzen. Das zeigt sich auch in einer aktuellen Umfrage des Forschungsunternehmens gfs.bern; Stau wird in der Bevölkerung als grösstes Verkehrsproblem wahrgenommen.

In Lugano fuhr bis 1959 ein Tram am See entlang. © Keystone / Historisches Museum Lugano

Das Tram-Treno in Lugano

Eine Region, die (wieder) auf ein Tramprojekt setzt, liegt im Tessin. Im Raum Lugano entsteht das Tram-Treno-Projekt. Die Agglomeration knüpft damit an ihre Tradition schienengebundener Verkehrssysteme an, nachdem Trams in der Region über Jahrzehnte kaum mehr eine Rolle gespielt hatten.

Der Kanton Tessin zählt rund 360’000 Einwohnerinnen und Einwohner, etwa 250’000 Erwerbstätige mit rund 80’000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger. Im Umkreis von 25 Kilometern um Lugano leben rund 1,6 Millionen Menschen. Entsprechend hoch sind die Pendlerströme zwischen Stadtzentrum und Agglomeration.

Mit dem Tram-Treno soll im Rahmen eines städtebaulichen Entwicklungskonzeptes die Lücke zwischen S-Bahn und Buslinien geschlossen werden. Aus einer bestehenden Regionallinie entsteht schrittweise ein integriertes Netz mit dem Ziel Reisezeiten zu verkürzen, die Frequenzen zu erhöhen und wirtschaftliche Entwicklungsgebiete besser anzubinden.

Das System verbindet bestehende Bahnstrecken mit neuen Abschnitten im Strassenraum. In einem ersten Schritt wird mit einem Tunnel die Linie vom Zentrum Luganos nach Bioggio realisiert, wodurch sich die Reisezeit von rund 22 auf 7 Minuten verkürzt.

Gleichzeitig zeigt dieses Projekt auch die Herausforderungen solcher Vorhaben auf: Gegen die geplanten Bauarbeiten wurden zahlreiche Rekurse eingereicht. Tram- und Lightrail-Projekte werfen also ebenfalls nicht nur verkehrliche, sondern auch viele planerische und rechtliche Fragen auf.

Die gestrichelte rote Linie ist die Galleria di Breganzona. Ein Tunnel, welcher Lugano mit Bioggio verbinden wird. © RTTL / Präsentation SVWG-Forum

Finanzierung von Lightrail-Systemen steht politisch im Fokus

Bei Ausbauten in der Verkehrsinfrastruktur spielen finanzielle Fragen eine erhebliche Rolle, denn der Finanzierungmechanismus unterscheidet sich je nach Verkehrssystem deutlich. Der Ausbau, der Unterhalt und der Betrieb der Eisenbahninfrastruktur werden vollumfänglich über den Bahninfrastrukturfonds (BIF) finanziert, der mehrheitlich durch Bundesgelder gespiesen wird. Für Tram- und Lightrail-Systeme gilt hingegen eine andere Logik: Sie werden im Rahmen der Agglomerationsprogramme mit Mitteln aus dem Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds (NAF) unterstützt, wobei der Bundesanteil im Durchschnitt bei rund 35 Prozent liegt, der Rest wird von den Kantonen und Gemeinden getragen.

Diese unterschiedlichen Finanzierungsmechanismen können Fehlanreize schaffen. Während Eisenbahnprojekte vollständig durch den Bund finanziert werden, müssen Kantone und Gemeinden bei Tramprojekten einen erheblichen Teil der Kosten selbst tragen, auch dann, wenn diese womöglich zielführender oder kostengünstiger wären. Damit besteht die Gefahr, dass nicht das jeweils am besten geeignete Verkehrssystem gewählt wird, sondern jenes, dessen Finanzierung einfacher sicherzustellen ist.

Tram- und Lightrailsysteme können auf Bundesebene über den NAF im Rahmen der Agglomerationsprogramme teilweise finanziert werden. © ARE, Quelle: EFV, Staatsrechnung

Deshalb wird auf politischer Ebene im Rahmen von Verkehr’45 auch darüber diskutiert, wie schienengebundene Verkehrssysteme in den Agglomerationen künftig besser berücksichtigt werden können. Nationalrat Michael Töngi hat zwei parlamentarische Initiativen dazu eingereicht. Die erste Initiative fordert, dass ein höherer Beitrag aus dem NAF für die Agglomerationsprogramme zur Verfügung steht. Die zweite fordert, dass schienengebundene Verkehrsmittel wie Trams oder Metros innerhalb dieser Programme mit höheren Beitragssätzen seitens des Bundes unterstützt werden können. Aus Sicht von Töngi besteht insbesondere in den Agglomerationen Handlungsbedarf. Auch als Antwort auf das Nein zum Autobahnausbau müsse das Mobilitätsangebot in den Agglomerationen im Bereich des öffentlichen Verkehrs gestärkt werden.

Ziel dieser Vorstösse ist es, die finanziellen Fehlanreize zu reduzieren und eine systemoffenere Wahl der Verkehrsmittel zu ermöglichen.

Die zwei parlamentarischen Initiativen von Nationalrat Michael Töngi werden momentan in den beiden Kommissionen für Verkehr- und Fernmeldewesen (KVF) behandelt. © VBS

Tramprojekte als kostengünstigere Alternative zu S-Bahnausbauten?

Als Teil eines integrierten Verkehrssystems ergänzen schienengebundene Systeme wie Trams heutzutage die S-Bahn-Angebote, die in vielen Städten und Agglomerationen das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs bildet. In bestimmten Fällen können Tramtangentialverbindungen, Metros oder neue Tramlinien gute Alternativen darstellen, um Verkehrsprobleme im dicht besiedelten Raum zu lösen. Entscheidend ist allerdings die optimale Abstimmung von Verkehrs- und Siedlungsentwicklung. Tramprojekte entfalten ihr Potenzial vor allem dort, wo sie zur Feinerschliessung von Siedlungsräumen beitragen. Die Vorteile von Tram- und Lightrail-Systemen lassen sich so zusammenfassen, dass sie auch bestehende Verkehrsnetze sinnvoll ergänzen können. Sie können im Vergleich zu Bussen im Agglomerationsverkehr grössere Fahrgastmengen aufnehmen. Auch benötigen sie weniger Platz und lassen sich häufig rascher und kostengünstiger realisieren als klassische Schienenausbauten.

Gleichzeitig wurde am SVWG-Forum auch deutlich, dass Tram- und Lightrailsysteme nicht in jedem Kontext die passende Lösung sind.

Ein Beispiel dafür war eine Studie im Kanton Zug. Dort wurde geprüft, ob ein Metrosystem als ein weiteres öV-Element sinnvoll wäre. Die Analyse vom Forschungs- und Beratungsunternehmen INFRAS zeigte, dass ein leistungsfähiges Bussystem mit hohem Takt und einer Buspriorisierung auf der Strasse eine pragmatischere und zielführendere Lösung bietet. Die prognostizierte Siedlungsentwicklung, die geographischen Gegebenheiten und Kosten-Nutzen-Überlegungen sprechen klar gegen ein Metrosystem im Kanton Zug.

Demgegenüber verdeutlicht das Projekt Tram-Treno im Raum Lugano, wie schienengebundene Systeme unter heutigen Rahmenbedingungen gezielt eingesetzt werden können, um das Stadtzentrum mit den umliegenden Gemeinden zu verbinden.

Die Wahl des passenden Verkehrsmittels muss immer im Einzelfall angeschaut werden. © VBS

Systemoffen planen

Die Diskussionen am SVWG-Forum haben gezeigt, wie verschiedene Regionen in der Schweiz die Verkehrssysteme der Zukunft planen. Welche Massnahmen geeignet sind, hängt stark von den jeweiligen räumlichen, verkehrlichen und finanziellen Rahmenbedingungen ab.

Neben verkehrlichen Kriterien spielen dabei auch die Finanzierungsmechanismen eine zentrale Rolle. In der föderalistischen Schweiz sind Fragen der Finanzierung eng mit der Aufgabenverteilung zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden verknüpft und werden die verkehrspolitische Debatte auch in Zukunft prägen.

Wichtig ist, dass im Einzelfall das passendste Verkehrsmittel gewählt wird, egal ob Bus, Tram, Metro oder S-Bahn und dass diese Entscheidung möglichst auf verkehrsplanerische und nicht alleine auf finanzielle Kriterien gestützt wird.

Die Präsentationen des Forums sind auf der Website der Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (SVWG) zu finden.