05. 03. 2026

print Created with Sketch. PRINT

05. 03. 2026

Gastbeitrag: Doppelt nützlich – wie innovative Depotnutzungen Städte verdichten, Kosten senken und den öV stärken

Knapper Raum, steigende Mobilitätsbedürfnisse und ambitionierte Klimaziele zwingen Städte dazu, Flächen mehrfach zu denken. Innovative Depotnutzungen zeigen, wie es geht: Über Abstellanlagen entstehen Schulen, Sporthallen oder Gewerbe – kompakt, effizient und gut erschlossen. Das Wetziker Beispiel der Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland (VZO) mit Busdepot und Schulhaus macht vor, wie Planung, Architektur und Betrieb zusammenspielen, damit alle gewinnen. Und es zeigt, welche Lehren Planerinnen und Betreiber aus der Praxis ziehen können.

Gemeinsamer Raum: Das Wetziker Beispiel der Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland zeigt, wie man knappe Boden-Ressourcen mit innovativer Depotnutzung neu denken kann. © VZO

Von Joe Schmid, Direktor der Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland

Öffentlicher Verkehr braucht Raum; auch im Stillstand. Doch reine Abstellflächen sind in dicht besiedelten Lagen ein Luxus, den sich Städte zunehmend nicht mehr leisten wollen. Die Lösung heisst Nutzungsüberlagerung.

Über einem funktional robusten Erdgeschoss – der Busgarage – entstehen kompakte, lärmarme und gut erschlossene Nutzungen wie Bildung, Verwaltung oder Sport. So wird Boden geschont, Wege werden kurz, und Infrastrukturprojekte gewinnen gesellschaftliche Akzeptanz.

Das Busdepot mit Schulhaus an der Schellerstrasse in Wetzikon gilt hier als gelungenes Projekt: ebenerdiges Depot, darüber eine zweigeschossige Schulanlage mit 37 Klassenzimmern, Verwaltung, Mensa und zwei Sporthallen.

Robust im Betrieb, klar in der Form: Tragender Beton und blau glasierte Klinker prägen den klaren, robusten Baukörper, der je nach Licht offen oder geschlossen wirkt. © VZO

Von der Idee zur doppelten Wirkung

Als die Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland (VZO) das Grundstück nahe dem Bahnhof erwarben, stand fest: Es sollte nicht nur eine Einstellhalle entstehen, sondern eine Doppelnutzung, welche die zentrale Lage maximal ausspielt und die Investitionskosten senkt.

Der Kanton Zürich liess sich als Mieter für das Schulhaus gewinnen, das über der Depotfläche realisiert wurde. Im Erdgeschoss: Stellplätze für 42 Busse, Waschanlage, Serviceplatz und Personalräume, darunter eine Tiefgarage für Mitarbeitende und Dritte.

Darüber: ein Schulgebäude, das in der ersten Phase als Provisorium für die Kantonsschule Zürcher Oberland und die Gewerbliche Berufsschule Wetzikon dient und seit 2026 von der Berufsfachschule Uster für die Berufsmaturität Technik, Architektur und Life Sciences als «Campus Berufsmaturität» genutzt wird.

Unten wird gefahren, oben gelernt: Oberhalb des neuen VZO-Depots büffeln Schülerinnern und Schüler der Berufsfachschule Uster für die Berufsmatura. © VZO

Was die Architektur leistet und warum sie so funktioniert

Entscheidend war der architektonische Grundsatz. Das Depot bleibt ebenerdig und sichtbar, statt es unsichtbar im Untergeschoss zu verstecken. Das reduziert Rampen, vereinfacht die Statik und spart Kosten. Zugleich entstehen klare Bewegungsflüsse, kurze Wege und Aufenthaltsbereiche mit Tageslicht für das Personal.

Die Schule liegt darüber, mit peripheren Erschliessungen, die Nutzerinnen und Nutzer zum Licht führen. Die beiden Sporthallen sind innenliegend angeordnet, wodurch die Fassaden für Unterrichtsbereiche frei bleiben.

Konstruktion und Material folgen der Logik der Überlagerung: tragfähiger Beton, aussen blau glasierte Klinker als markantes, identitätsstiftendes Element – robust im Betrieb, klar in der Form. Das Resultat ist ein grosser, aber überraschend leichter Baukörper, der je nach Tageslicht offen oder geschlossen wirkt.

Der öV bleibt sichtbar: Dadurch, dass das Depot ebenerdig liegt, braucht es nicht nur weniger Rampen, sondern es fördert auch Integration und Interaktion im Quartiert. © VZO

Kurze Wege, weniger Emissionen, mehr Effizienz

Wenn Depot und Schule am öV-Knoten liegen, sinken Leerfahrten und gleichzeitig erreichen Studierende die Schule fussläufig ab dem Bahnhof oder mit dem Velo. Die Doppelnutzung stärkt das Bildungsangebot am Standort, ohne zusätzliche Grünflächen zu verbrauchen. Und sie senkt die Vollkosten über den Lebenszyklus.

Was die VZO aus dem Projekt gelernt haben

  1. Früh Partnerschaften bilden: Die Wetziker Lösung gelang, weil Betreiber (VZO), Kanton und Planer ein gemeinsames Zielbild hatten: Betriebssicherheit unten, pädagogische Qualität oben, städtebauliche Wirkung nach aussen.
  2. Funktion bestimmt Form – nicht umgekehrt: Ebenerdiges Depot, robuste Tragstruktur, klare Lastabtragung und nachvollziehbare Erschliessung sparen Kosten und ermöglichen spätere Anpassungen, etwa bei Schulträgerwechseln oder Flächenerweiterungen. Die innenliegenden Sporthallen und die frei bespielbaren Fassadenflächen illustrieren, wie Programm und Architektur verzahnt werden.
  3. Betrieb in der DNA mitplanen: Der reibungslose Umzug in Wetzikon kam nicht von ungefähr. Fahrpläne, Fahrzeugumlauf, Personaldisposition und Depotlogistik wurden digital durchgespielt – bevor die erste Busseinfahrt real war. Solche «Operationen am offenen Herzen» gelingen nur, wenn Betreiberwissen die Planung prägt.
  4. Akzeptanz entsteht durch Mehrwert: Ein Depot allein erzeugt selten Begeisterung. Eine Schule über dem Depot liefert jedoch einen direkten Nutzen für die Nachbarschaft, kurze Wege, Sportinfrastruktur, Aufenthaltsqualität im Aussenraum. So wird ein technischer Bau zum Quartiersanker.

Mehr Tageslicht für alle: Die beiden Sporthallen sind innen angeordnet, sodass die Fassaden für Unterrichtsräume frei bleiben. Auch das VZO-Personal profitiert dank des ebenerdigen Depots von mehr Tageslicht. © VZO

Worauf es in der nächsten Generation ankommt

2026 stehen viele Regionen vor ähnlichen Aufgaben: Der öV wächst, Depots müssen erneuert oder erweitert werden, und gleichzeitig steigt der Druck, innen zu verdichten. Innovative Depotnutzungen sind kein architektonischer Gag, sondern eine Strategie der Daseinsvorsorge. Sie bündeln Infrastrukturen am richtigen Ort, sparen Wege und Emissionen, senken langfristig die Betriebskosten und schaffen gesellschaftlichen Mehrwert.

Das Beispiel Wetzikon macht Mut – und liefert eine klare Handlungsanweisung: früh Partner suchen, konsequent funktional planen, den Betrieb mitdenken und die Quartiersnutzung gleich mitentwickeln. So entstehen Projekte mit vielen Gewinnern.


© VZO

Joe Schmid ist seit 2005 bei den Verkehrsbetrieben Zürichsee und Oberland (VZO) tätig und hat in dieser Zeit verschiedene Positionen in den Bereichen Kommunikation, Qualitätsmanagement und Angebotsplanung verantwortet. Seit 2023 steht er als Direktor an der Spitze des Unternehmens und gestaltet die Zukunft der regionalen Mobilität im Zürcher Oberland entscheidend mit.

Aufgewachsen im Zürcher Oberland, lebt Schmid heute mit seiner Familie weiterhin in der Region, die ihn geprägt hat und zu deren nachhaltiger Entwicklung er sich beruflich wie persönlich engagiert.