3. 02. 2022

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3. 02. 2022

Gastartikel: Bessere Vernetzung der Akteure macht den öV effizienter und klimafreundlicher

Dr. Peter Füglistaler ist seit 2010 Direktor des Bundesamts für Verkehr. Zuvor war er in verschiedenen Funktionen bei der SBB sowie bei der Eidgenössischen Finanzverwaltung tätig.  (Bild: BAV)

Um die Verkehrsinfrastrukturen sowie die Angebote des öffentlichen und privaten Verkehrs optimal nutzen zu können, braucht es den stetigen Informationsfluss zwischen privaten Anbietern von Mobilitätsdienstleistungen, Verkehrsunternehmen, Infrastrukturbetreibern und Verkehrsteilnehmenden. Der Bundesrat schlägt vor, dazu eine staatliche Mobilitätsdateninfrastruktur aufzubauen: Über die sogenannte MODI sollen sich die verschiedenen Akteure einfacher vernetzen sowie Daten bereitstellen und austauschen können.

Von Peter Füglistaler, Direktor Bundesamt für Verkehr (BAV)

Angesichts des anhaltenden Verkehrswachstums wird die effiziente Nutzung der Infrastruktur immer wichtiger. Damit die bestehenden Angebote auf Strasse oder Schiene noch besser genutzt und die nachhaltige Mobilität weiter gestärkt werden kann, muss der Informationsfluss zwischen den Anbietern von Mobilitätsdienstleistungen, Infrastrukturbetreibern, Transportunternehmen und Kundinnen und Kunden deutlich vereinfacht werden.

Alltäglicher Datenfluss im Verkehrssystem

Informationsfluss und Datenaustausch spielen schon heute in der Mobilität eine enorm wichtige Rolle. Wir sind uns dessen manchmal gar nicht bewusst. Denken Sie an das Verkehrsmanagement auf den Nationalstrassen zur Verhinderung von Staus, an Parkleitsysteme in den Städten zur Vermeidung von Suchverkehr, an die Fahrplanauskunft für den öV, an die Online-Buchung von Sharing-Fahrzeugen, an Rufbusangebote «on demand» in ländlichen Regionen oder an Online-Informationen über die Verfügbarkeit von Ladestationen von Elektrofahrzeugen.

Daten als systemrelevante Infrastruktur

Aus diesen Beispielen wird klar: Ohne Daten, deren Austausch und einem schnellen und vollständigen Zugriff ist ein funktionierendes Mobilitätssystem nicht denkbar. Ohne Daten können die physischen Angebote und Infrastrukturen auf Strasse und Schiene nicht effizient betrieben und genutzt werden. Mobilitätsdaten sind deshalb die dritte systemrelevante Infrastruktur im Mobilitätssystem.

Keine Datensammlung, sondern eine Schnittstellen-Infrastruktur

Mit der Mobilitätsdateninfrastruktur (MODI) will der Bund die technischen und organisatorischen Voraussetzungen schaffen, um langfristig und zuverlässig die Nutzung dieser Daten – also ihre Bereitstellung, den Austausch, die Verknüpfung und den Bezug - zu vereinfachen und zu fördern. Es geht somit nicht um ein riesiges Datenbankprojekt, sondern um eine Schnittstelleninfrastruktur zum standardisierten Austausch von Daten und zur Bereitstellung von zentralen Diensten. Die Daten bleiben bei ihren Eigentümern. MODI wird schrittweise aufgebaut und gemäss den Bedürfnissen der Unternehmen erweitert.

Die zwei Hauptelemente von MODI

MODI besteht in einer ersten Phase aus zwei Hauptelementen: NADIM und Verkehrsnetz CH:

  • Das Verkehrsnetz CH ist eine einheitliche, digitale Abbildung des gesamten Verkehrssystems der Schweiz. Hier werden alle Daten zu den Verkehrsnetzen und der zugehörigen Infrastrukturen der öffentlichen Hand zentral durch den Bund synchronisiert, erweitert und optimiert werden. Damit bildet Verkehrsnetz CH das zentrale räumliche Referenzsystem für die Verknüpfung von Mobilitätsdaten über die NADIM.
  • Die Nationale Datenvernetzungsinfrastruktur Mobilität (NADIM) ermöglicht den standardisierten Austausch von Mobilitätsdaten und damit die Vernetzung von Mobilitätsanbietern, Entwicklern und Betreibern von digitalen Kundenlösungen (z.B. Apps) sowie weiteren Akteuren wie Wissenschaft und Forschung.

Verkehrsdaten frei von kommerziellen Interessen

Warum muss der Bund in diesem Bereich aktiv werden? Private sammeln in der Regel Daten mit der Absicht, kommerzielle Interessen hinsichtlich dem Zugang und der Verwendung von Mobilitätsdaten umzusetzen und damit Geld zu verdienen. Die öffentliche Hand will jedoch nicht, dass Mobilitätsdaten ausschliesslich kommerziell verwendet werden. Die Nutzung des Verkehrssystems soll gemäss den verkehrs-, energie- und umweltpolitischen Zielen möglichst effizient erfolgen und nicht rein kommerziell gesteuert werden. Hinzu kommt die Gefahr von Monopolbildungen. Es besteht das Risiko, dass einzelne Firmen bzw. Plattformen aufgrund ihres exklusiven Zugangs zu Mobilitätsdaten unser Mobilitätssystem nach kommerziellen Kriterien organisieren können.

Bund als neutraler und nicht gewinnorientierter Akteur

Die öffentliche Hand hat zum Ziel, den freien Zugang zu Daten von Mobilitätsangeboten und Verkehrsinfrastrukturen zu gewährleisten. Als unparteiischer Akteur, der für Neutralität und Beständigkeit sorgt, stellt er sicher, dass niemand diskriminiert wird, dass mit den Daten aller Anbieter auf dieselbe Art und Weise umgegangen wird und dass die Daten sicher und verlässlich bereitgestellt werden. Er stellt damit die Dateninfrastruktur auf der digitalen Ebene zur Verfügung, wie er dies heute mit dem Strassen- und Schienennetz auf der physischen Ebene tut.

Vertrieb bleibt bei den öV-Unternehmen

Es gibt mit dem Gesetz zur MODI keine neuen Pflichten – weder für konzessionierte öffentliche noch für private Unternehmen. Die Anbindung der NOVA (öV-Vertriebsinfrastruktur) soll nur technisch und nur für ausgewählte Daten ermöglicht werden. Der rechtliche Zugang zum öV-Vertrieb bleibt mit dem MODI unverändert: Dieser soll nach wie vor - wie von der öV-Branche verlangt - über eine nichtdiskriminierende Branchenvereinbarung erfolgen.

Effizienter, nachhaltiger, klimafreundlicher

MODI ist kein Angebot, das sich direkt an die Bevölkerung richtet, sondern an private und öffentliche Unternehmen (B2B). Mit Hilfe der Daten, die über MODI ausgetauscht werden, können App-Entwickler und Plattformbetreiber Dienstleistungen entwickeln, die sich an die Endkunden richten. MODI erleichtert die technische Zusammenarbeit. Wer mit wem kommerziell zusammenarbeiten will, ist den Anbietern überlassen. In Zukunft soll es möglich sein, ganz einfach im Internet oder einer Handy-App massgeschneiderte Angebote mit mehreren Verkehrsmitteln zusammenzustellen oder Hotelbuchungen direkt mit dem für sie richtigen Mobilitätsangebot zu kaufen.

Dadurch können der öffentliche Verkehr, Sharing- oder Mietautos, -Velos und -Miniscooter sowie Taxis und weitere Angebote kombiniert und dort eingesetzt werden, wo sie am wirksamsten sind. Ausserdem können die Verkehrsteilnehmenden bei Störungen oder Staus rasch und unkompliziert das beste alternative Mobilitätsangebot finden. MODI leistet damit einen Beitrag, das ganze Verkehrssystem effizienter, nachhaltiger und klimafreundlicher zu gestalten.