20. 11. 2020

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20. 11. 2020

Ein neues öV-Modell: der «Schneetourenbus»

Für einige bekannte Skitouren- und Schneeschuhtouren-Ziele braucht es seit dem Winter 2018/2019 kein Privatauto mehr. Der «Schneetourenbus» bringt Schneebegeisterte direkt zum Ausgangspunkt ihrer Tour. Erste Resultate sind ermutigend. Dennoch muss die Nachfrage gesteigert werden, soll sich das Angebot längerfristig am Markt etablieren. Was den «Schneetourenbus» ausmacht, erklärt Co-Projektleiter Samuel Bernhard in unserem Blogbeitrag.

Die elf regionalen Schneetourenbusse in den Kantonen Bern, Graubünden, Luzern, Neuenburg, Uri, Wallis und Zürich verlängern entweder bestehende ÖV-Linien oder verstärken das ÖV-Angebot mit Zusatzkursen. Beispielsweise werden zum Julierpass GR oder nach Färnigen im Urner Meiental PostAuto-Strecken befahren, die bisher nur im Sommer hinreichend erschlossen waren. Das Gleiche gilt auch für die Bus alpin-Strecke im Binntal VS, wo mit dem «Schneetourenbus» eine neue Morgen-Frühverbindung ab Ernen bis Fäld geschaffen wurde. Und in Luthertal wird die von PostAuto – auch im Winter – betriebene Strecke mit Kursen so ergänzt, dass aus dem bisherigen Zweistundentakt ein Stundentakt wurde.

Der Schneetourenbus in Aktion (Region Julier Nord GR)

Wie funktioniert der «Schneetourenbus»?

Der Fahrplan aller elf Linien ist ausschliesslich unter www.schneetourenbus.ch abrufbar. Auf den offiziellen Fahrplankanälen (Kursbuch, SBB u.a.) wird das Angebot nicht veröffentlicht. Das bedeutet, dass für die entsprechenden Kurse keine Transportpflicht besteht. Der grosse Vorteil: die regionalen Akteure führen die Fahrten nur dann durch, wenn es dafür einen Bedarf gibt. Leerfahrten werden damit vermieden und die Kosten tief gehalten.

  1. Die Fahrten aller elf Strecken werden bis zum Saisonstart im Internetportal erfasst und aufgeschaltet. Die Fahrpreise pro Person werden ebenso bis zu diesem Zeitpunkt festgelegt. Liegen noch zu wenig Reservationen vor, erscheint die entsprechende Fahrt in der Farbe „ORANGE“ (= Status für Fahrt ist offen – vgl. Farbenerklärung unten).
  2. TourengängerInnen reservieren im Internetportal den gewünschten Kurs.
  3. Vom Internetportal erfolgt automatisch die Reservationsbestätigung – jeweils sowohl an die TourengängerInnen wie auch an die Transportunternehmer der entsprechenden Strecke.
  4. Für jede Strecke wurde die Personenzahl definiert, ab welcher eine Fahrt in jedem Fall durchgeführt wird. Ist der entsprechende Schwellenwert an Reservationen erreicht, schaltet das System die Ampel für die entsprechende Fahrt automatisch auf „GRÜN“, in den Regionen Binntal und Safiental beispielsweise bereits ab 2 Personen, ebenfalls gefolgt von automatischen Bestätigungen durch das System an Transportunternehmer und TourengängerInnen.
  5. Liegen bis 18 Uhr des Vortages zu wenige Reservationen vor, schaltet das System eine entsprechende Fahrt automatisch auf „ROT“. Die Fahrt wird nicht durchgeführt.
  6. Individuelle Abmachungen: Das System des «Schneetourenbus» ist flexibel. Die beteiligten Transportunternehmen sind frei, von sich aus eine Fahrt auf „GRÜN“ zu schalten, unabhängig davon, ob der definierte Reservations-Schwellenwert schon erreicht worden ist oder nicht. Und die TourengängerInnen können jederzeit mit den Transportunternehmen Kontakt aufnehmen und im direkten Kontakt sicherstellen, dass eine Fahrt zustande kommt.
  7. Gruppen reservieren Fahrten auch über das Internetportal. In diesem Fall kommt es –automatisch durch das System so avisiert – zu einer direkten Kommunikation zwischen TourengängerInnen und Transportunternehmer, weil sichergestellt werden muss, dass mit der Gruppenreservation die Transportkapazität nicht überstiegen wird und gruppenspezifische Details geklärt werden können.

Erklärung zur Durchführung der einzelnen im Internetportal veröffentlichten Fahrten

Wie kommen die Fahrpreise zustande?

Nebst der Attraktivität des angebotenen Fahrziels ist der Fahrpreis der wichtigste Faktor, ob eine einzelne Strecke und entsprechende Kurse nachgefragt werden oder nicht. Die Preispolitik des «Schneetourenbus»-Projekts sieht vor, dass die Fahrpreise fix pro Person publiziert und erhoben werden müssen. Die Preise für die einzelnen Strecken können in der Regel nicht so günstig sein wie bei abgeltungsberechtigen ÖV-Angeboten, aber sie müssen deutlich tiefer als Taxitarife sein.

In einzelnen Regionen unterstützen regionale Träger die Angebote mit einem finanziellen Deckungsbeitrag (von CHF 1‘000.- bis CHF 3‘000.-) die Schneetourenbus-Angebote. Dies ermöglicht:

  1. Die Fahrpreise tiefer anzusetzen
  2. Das unternehmerische Risiko für die beteiligten Transportunternehmen zu senken
  3. Die Wahrscheinlichkeit für die Durchführung einer Fahrt zu erhöhen (Je höher der regionale Unterstützungsbeitrag, desto tiefer der regionale Schwellenwert für die Fahrten)

Die Schneetourenbus-Regionen 2020/21 auf einen Blick

«Schneetourenbus» – eingebettet im ÖV-Verbund

Für alle elf Linien wurde die Bewilligungspflicht (kantonal) abgeklärt und dort wo notwendig eine Bewilligung eingeholt. Gefahren werden die Angebote in den Regionen hauptsächlich von privaten Taxiunternehmen mit Klein- und Midibussen, welche für das Befahren der Strecken bei winterlichen Verhältnissen geeignet sind.

In allen Regionen wurden Gespräche mit den Konzessionären der Strecken, respektive der Zubringerlinien geführt. Die Angebote wurden mit deren Zustimmung aufgebaut. Bestehende Angebote werden also nicht konkurrenziert, sondern vielmehr in optimaler Weise ergänzt. Der «Schneetourenbus» erschliesst – ähnlich wie der mehrheitlich im Sommer aktive – «Bus alpin» die letzte Meile im Schweizer Freizeitverkehr.

Hohe Hürden für ÖV-Ergänzungsangebote in der Schweiz

ÖV-Ergänzungsangebote wie der «Bus alpin» und der Der «Schneetourenbus» sind aus diesen Gründen besonders wichtig:

  • Nur wenn auch die letzte Meile mit dem ÖV erschlossen ist, gibt es eine Chance, dass Gäste einer Region bereits ab ihrer Wohnungstüre den ÖV benützen.
  • Damit kann ein Umlagerungseffekt vom motorisierten Privatverkehr auf den ÖV erzielt werden, was die die Umwelt schont und zudem einen Beitrag an den Klimaschutz liefert.

Umso unverständlicher ist es, wie schlecht die Politik diesen für das Gesamtsystem so wichtigen Verkehrsbereich behandelt. So wurde das am 28. Februar 2018 von Thomas Egger eingereichte Postulat[1] zur Abänderung der Definition des abgeltungsberechtigten Verkehrs am 5. März 2019 vom Nationalrat abgelehnt. Die Folge: touristische und für die Umlagerung von Verkehrsströmen wichtige ÖV-Ergänzungsangebote werden weiterhin nicht mit Bundes- und an vielen Orten auch nicht mit kantonalen Mitteln unterstützt. Regionale Trägerschaften (Gemeinden und Tourismusorganisationen in finanzschwachen Bergregionen) sind auf sich alleine gestellt.

Es gibt sie diese Angebote – das beweist der Erfolg des «Bus alpin» und vielleicht bald auch des «Schneetourenbus». Doch die fehlende öffentliche Subvention solcher Angebote hat negative Folgen:

  • Die Angebote sind längerfristig nicht gesichert – sie können jederzeit wegbrechen, wenn den regionalen Sponsoren der Schnauf ausgeht.
  • Aufgrund der knappen Mittel können oft nur Angebote aufgebaut werden mit wenigen Verbindungen pro Tag (Fahrplanlücken).
  • Die Angebote sind zudem häufig für die KundInnen – im Vergleich zum abgeltungsberechtigten ÖV – recht teuer. Die Fahrgastfrequenzen bleiben oft recht bescheiden.
  • Dadurch kann das Potential zur Nutzung – und damit auch zur Verlagerung der Verkehrsströme vom motorisierten Privatverkehr auf den ÖV – nicht optimal genutzt werden.

Erste Resultate

Im Pilotwinter 2018/2019 gab es rund 300 Reservationen. Im Winter 2019/2020 kam nach verhaltenem Auftakt der Lockdown dazwischen – gerade zu Beginn der Skitourensaison. Dennoch zog die Nachfrage im Vergleich zur ersten Saison geringfügig an. Festzustellen sind zumindest zunehmend Gruppenbuchungen, beispielsweise von SAC-Sektionen. Eine ansprechende Nachfrage gibt es bisher in den Regionen Diemtigtal BE, Julier Nord GR und Safiental GR. Die beiden Regionen Binntal VS und Meiental UR waren infolge Ausrichtung auf die Skitourensaison vom Lockdown besonders betroffen und in der Region Luthertal (Napf) LU fehlte während der ganzen Saison 2019/2020 der Schnee. Sie war letzten Winter erstmalig dabei. Keine Erklärung gibt es für die bisher schwache Nachfrage in der Region Lukmanier GR. Neu dabei – und noch ohne Erfahrungswerte sind die Regionen Julier Süd GR, die beiden Strecken im Val-de-Travers NE sowie Zürioberland.

Getragen wird der «Schneetourenbus» von Schweizer Alpen-Club SAC und VCS Verkehrs-Club der Schweiz. Partner sind PostAuto und Mountain Wilderness Schweiz. Mitfinanziert wird das Angebot bis zum Ende der Etablierungsphase (Winter 2020/2021) vom Bund. Der Autor dieses Artikels ist zusammen mit Benno Steiner (SAC), Laura Schmid (VCS) und Martin Raaflaub Co-Projektleiter.

Fahrpläne, weitere Informationen und Reservationen unter: www.schneetourenbus.ch

Der Schneetourenbus in den social media:
Facebook: www.facebook.com/schneetourenbus
Instagram: https://www.instagram.com/schneetourenbus/


[1] Der Bundesrat wird beauftragt zu prüfen, wie die Definition des abgeltungsberechtigten Verkehrs geändert werden muss, um die aktuellen Mobilitätsbedürfnisse besser abzudecken und seitens Bund auch Angebote, namentlich im Freizeitverkehr, mitfinanzieren zu können, die heute nur durch die Kantone oder Dritte mitfinanziert werden können.